Identitätskrise – Was ist wirklich Deutsch?

Identitätskriese -Was ist deutsch?

Identitätskrise? Warum? Ist doch alles einfach.

Klar, bin ich deutsch.

Ich lebe in Deutschland, spreche Deutsch und meine Staatsbürgerschaft ist ebenfalls Deutsch.

Aber, wenn mich jemand fragt: „Was ist wirklich Deutsch? Was ist typisch?“ druckse ich rum, sage viel, aber eigentlich nichts.

Ich habe keine Ahnung.

Und so keimt seit Jahren ein Gefühl in mir, das stärker wird. Ich habe das Gefühl es zieht mich hier weg. Weg von Zuhause.

Sind das Fluchtgedanken oder habe ich aufgegeben?

Pass auf, was du sagst

Der Disclaimer vorweg. Disclai-wat? Nicht drüber nachdenken, einfach lesen.

In einem demokratischen Land mit gesunder Bildung, gehe ich davon aus, dass ich so ein Thema in den öffentlichen Raum stellen kann. Aber wir befinden uns in einem Umbruch. Politisch wie gesellschaftlich.

Ich spreche von Menschen, die jeden Zweifel und jede Kritik aufnehmen, ins Gegenteil kehren und für ihre Sache nutzen. Ein Satz wie „Eine spezifisch deutsche Kultur ist (…) schlicht nicht identifizierbar.“, wird missbraucht, um braunes Gedankengut anzuheizen. Ist ja sonst keine Kohle mehr im Heizungskeller der Populisten. Statt den Kern des Problems offenzulegen und vielleicht einen Diamanten zu finden, unter dieser dreckigen und widerspenstigen Kruste, driftet das Thema erst in die Grundsatzdiskussion und dann in die Bedeutungslosigkeit.

Will sich ja keiner die Hände schmutzig machen.

Also muss ich mich auch selbst ermahnen: „Pass auf, was du sagst, Pirat.“

Ich kann Euch nur bitten: Geht den Leuten nicht auf den Leim. Ihr zweifelt am System und an der Führung des Landes? Okay, kein Ding. Aber dann glaubt doch nicht den anderen Deppen.

Hinterfragt beide Seiten.

Oder bist Du der Meinung, ich darf nicht an uns zweifeln?

Kultur oder Klischee?

Typisch Deutsch. Deutsch-sein bedeutet pünktlich zu sein. Sich an Regeln zu orientieren. Organisiert zu sein. Hierarchien und Autoritäten zu respektieren. Den Worst Case einzuplanen und sich abzusichern. Effizient zu sein. Auto, Haus, Job und Familie. Das sind die Statussymbole der Deutschen.

Geht’s nur mir so oder klingt das auch für Euch furchtbar?

Hier ist meine Interpretation des Ganzen:

Wir sind penibel, emotional distanziert, verschlossen, pseudoautoritär, stur, arrogant, überversichert und materialistisch.

Und irgendwie scheinen viele das ähnlich zu sehen oder zumindest unterbewusst zu fühlen.

Denn, wenn jemand ihnen dieses Bild des steifen, gefühlskalten und effizienten Deutschen zeichnet, versuchen Sie verschämt die Skizze zu korrigieren.

„Alles nur Klischee. In Wirklichkeit sind wir ganz anders.“

Und wie?

Naja, irgendwie doch genau so. Das sind keine Klischees. Das ist die Realität. Wir sind so. Ihr seid so. Ich bin so. Gestehen wir’s uns doch ein.

Gib das Bild her! Wir können die Skizze jetzt ausmalen…

Und was mich so durcheinander bringt, ist das Gefühl, dass ich immer weniger so sein will.

Ich will nicht materialistisch, kleinlich und verschlossen sein. Schreibe so etwas und merke wie ich schon wieder rumnörgel. #typicalgerman

Wo bleibt der Stolz?

Immer wenn es um Kultur geht und uns nichts einfällt, stürzen wir uns auf die Vergangenheit:

„Wir haben ja mal…“, und: „Früher gab es…“

Gleichzeitig müssen alle aufpassen, das früher nicht gleich mit dem „bösen Früher“ zusammenfällt. Dann sprechen viele von Bescheidenheit, das sei eine deutsche Tugend. Der German Gentleman, schweigt und genießt.

Leider nein. Die Bescheidenheit verkommt zur Scham und betroffener Arroganz. Wir wissen nicht was uns definiert, wollen es nicht aussprechen und fühlen uns beleidigt. Über die Vergangenheit alleine will sich keiner definieren. Der Zukunft öffnen will sich aber auch kaum jemand.

Wo bleibt da der Stolz?

Der Stolz auf eine funktionierende Demokratie. Auf ein sicheres Land, ohne Zensur in dem jeder frei seine Meinung sagen darf. In dem über Politik und Religion gestritten werden darf. Ein Land das Kulturen aus ganz Europa und darüber hinaus vereint. Eines der modernsten Länder der Welt, voll kluger Köpfen, innovationsgetrieben und …

…mit sturen, eingefahrenen Prinzipien.

Wir bremsen uns selbst auf der Suche nach unserer Identität. Statt einen Schritt in eine neue Richtung zu gehen, verschränken wir die Arme, rühren uns nicht von der Stelle und leben treu nach dem Prinzip:

„Das haben wir schon immer so gemacht.“

Deswegen machen wir es weiterhin genauso, nur anders. Das scheint neuerdings die Interpretation moderner Denkweise zu sein.

Digitalisierung?

Flüchtlinge?

Populismus?

Jamaika?

Farbpaletten-Krieg statt Regierungsfähigkeit?

Deutsch sein bedeutet oft alles Kategorische abzulehnen und Anzuzweifeln, aber es gleichzeitig zu tolerieren. So wie es uns hin und her zieht, ist es kein Wunder, das wir ständig auf der Stelle treten.

Gespalten, persönlich und national = Identitätskrise

Indonesier sind in ihrem Land auf über 17.000 Inseln mit rund 250 Sprachen verteilt und pflegen das Motto:

zerrissen und gespalten was ist wirklich deutsch identitätskrise
Zerrissen, gespalten und wirsch verteilt… fehlt da ein Stück?

„Bhinneka Tunggal Ika“

„Wir sind alle unterschiedlich und doch Eins.“

Und wir?

Wir suchen weiterhin die Unterschiede, nicht die Gemeinsamkeiten. Was macht uns besonders? Was macht die anderen schlechter?

Kein Wunder, dass die Frage nach der nationalen Identität das Land in politische Lager spalte.

 Wir sind gespalten. Persönlich, wie national. Und das lässt mich traurig und frustriert mit meinen Gedanken zurück.

Deutsche, die sich schämen deutsch zu sein. Migranten in der dritten oder vierten Generation, die sich die Nationalität ihrer Vorfahren wünschen. Verwirrte kleine Piraten, die nicht mehr wissen, was sie denken sollen.

Aasgeier stürzen sich auf diese Zweifel und bohren ihre Schnäbel in offene Wunden. „Schande“, krächzen sie: „Dann sollen die doch wo anders hin!“

Dann mal eine Frage liebe Pseudopatrioten:

Wie soll sich denn jemand in eine Kultur integrieren, die wir selbst weder definieren noch verstehen können?

Wir müssen reden

Ich glaube, wir müssen darüber reden. Öfter und offener.

Persönlich denke ich, dass wir viel zu oft den Fehler begehen und unter uns bleiben. Wir reden nur mit denen, die es hören wollen und die genauso denken, statt uns mehr mit denen auseinander zu setzen, die wanken und schwanken, durchgewirbelt von der Zeit, die an uns vorbeirast und all den Veränderungen, die sie uns um die Ohren haut.

Wir verurteilen und verkünden unsere Meinung wie Marktschreier als einzige Wahrheit, statt zuzuhören, zu verstehen und auf andere einzugehen.

Was für mich noch typisch Deutsch ist?

In diesem arroganten Glauben zu Leben, dass Bildung ein Privileg ist. Dass man sich Bildung verdienen muss und bloß nicht teilen darf.

Macht Euch bloß nicht die Finger schmutzig. Versucht gar nicht erst mit den ganzen Ungebildeten zu reden, die Euch ja sowieso nicht verstehen.

Am Ende habt Ihr sonst noch vielleicht einen Verwirrten und Manipulierten weniger, über den Ihr urteilen könnt. Denn die, die ich oben Populisten nennen, haben es verstanden. Die machen sich ihre Finger schmutzig und alles was wir bisher als Schwert im Kampf gegen diese Veränderungen führen, ist ein abgenutztes Subjektiv:

„Nazi.“

Das bremst niemanden. Das heizt nur an.

Ist das unsere Demokratie? Meinungen kategorisch abzulehnen, zu ignorieren und eines Tages erschrocken festzustellen: Die Menschen haben sich ihr eigenes Bild gemalt…

Das Bild gefällt uns nicht. Dabei hätten wir es mitgestalten können, wenn wir die Gnade besäßen von unserm hohen Ross zu steigen und uns der unbequemen Diskussion zu stellen, abseits von Streitereien um Farb-Kombinationen.

Wir müssen reden. Wir alle.

„Dann geh doch wo anders hin!“

Seit langer Zeit sage ich Dinge, wie:

Vielleicht wandere ich doch noch aus.

Ich trage dieses Gefühl schon sehr lange mit mir herum. Dabei ist Deutschland für mich Zuhause. Irgendetwas hält mich hier und gleichzeitig zieht mich etwas weg. Vielleicht fliehe ich nur vor der Wahrheit, weil ich mir selbst nicht eingestehen will, dass ich Teil des Problems und kein Stück anders bin.

Aber ich will anders sein. Ich will anders denken und ich will etwas ändern.

…und wer jetzt sagt:

„Wenn es Dir hier nicht passt, dann geh wo anders hin!“,

der hat womöglich Recht.

Vielleicht mache ich das auch.

#WAYOFPIRATE

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5 Kommentare

  1. Interessanter Beitrag, was typisch deutsch ist, lässt sich nicht mehr so einfach beantworten. Ich lebe in den USA und da werde ich auch oft mit Stereotypes über Deutsche konfrontiert, die so eigentlich nicht mehr stimmen. Wir sind ein Land in mitten Europas, schon immer wurden von uns Sachen aus anderen Ländern übernommen. Wir sind ein Land in dem auch Döner im Ausland vermisst und als typisch Deutsch angesehen werden kann und das ist auch gut so.

    1. Author

      Hey Stefanie, vielen Dank für Dein Feedback. Das ist ein Teil der Frage(n), die ich mir Stelle und gleichzeitig auch ein Teil der Antwort. Ich denke, was viele als „Deutsch“ definieren, ist ein sehnsüchtiger Blick in die Vergangenheit. Wir brauchen – meiner Meinung nach – eine frische Perspektive.

  2. Ich finde deine Sicht auf Deutschland auch sehr interessant. Ich fände es sehr schade, wenn du gehst. Und wohin denn?
    Was ich in Deutschland vermisse, sind die Menschen, die hinterfragen und „in Frage stellen“.
    Diese Zeiten geben uns doch auch die Chance neu zu definieren. Visionen zu entwickeln… vor allem aber mir selber die Frage zu stellen, was mir wichtig ist und das ganz klar zu haben. Was sind meine Werte und lebe ich sie selber? Meine Frage an dich: „Was hindert dich denn, eine frische Perspektive zu entwickeln?“ Wie könnte frisch aussehen? … und dann lebe es! Ich finde, wir können Veränderung gut gebrauchen.
    Auf meiner Lebensliste habe ich Prioritäten verändert. Ganz oben steht nun Zeit – meine Lebenszeit. Step by step löse ich mich von Materialismus und Geld. Dabei stelle ich fest, dass in Deutschland ein sehr einengendes System herrscht. Ich erfahre, wie schnell jemand ausgegrenzt und verurteilt wird, der sich aus der Herde löst und eine ganz eigene Meinung entwickelt und vertritt. Aber ich fange auch an wahrzunehmen, was für besondere Orte und außergewöhnliche Menschen hier in Deutschland schon sind.
    Ich wünsche dir, dass du dir deinen Ort schaffen kannst, an dem du dich wohlfühlst und der für dich Deutschland und Heimat bedeutet.

    1. Author

      Danke für Deinen Input! 🙏 Letztlich ist all das, was Du erwähnst und ansprichst, auch was ich mir wünsche. Allerdings nicht „nur“ für mich selbst. Ich würde mir wünschen, dass viel mehr Menschen umdenken und offener werden würden. Mit diesem Blog-Post habe ich glücklicherweise ein paar Leute gefunden, die ähnlich denken. 🙂

  3. Ja: Nicht verharren in irgendwelchen fest gezurrten kleinen Denk- und Handlungs-Bahnen. Die sich mit der Zeit immer enger zusammenziehen. Sich befreien. Und neu beginnen. Sich selbst im anderen entdecken. Wir sind so unendlich vieles und doch, insofern wir im Vergangenen unser Selbst festzurren, so unendlich wenig. Die Frage „Was ist Deutsch“ ist insofern schon der Anfang vom Ende. —- Guter Artikel – Danke

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