Kein Bock mehr zu reisen. Frustriert von zu viel Abenteuer.

Geht das überhaupt? Stimmt irgendetwas nicht mit mir?

Es ist in Thailand passiert. In Kanada auch.

Wir reisten herum, von einem Ort zum anderen. Täglich unterwegs. Umgeben von so viel Neuem, so viel Schönem, so viel Kuriosem und so viel Erstaunlichem. Jeder Tag ein Abenteuer, jede Minute ein Erlebnis. Bis der täglich strammer gespannte Bogen der Begeisterung unter dem Druck der Erschöpfung abriss.

Es reicht. Pause. Sofort.

Reisen ist kein Urlaub

Stellen wir eine Sache klar:

Reisen ist kein Urlaub. Dass weiß ich und jeder der Backpacken will, sollte sich das bewusst machen. Nach Thailand war mir das mehr oder weniger klar.

Ich bin keine Reise-Diva –  okay, ich nörgle gelegentlich rum (mal mehr, mal weniger #beGerman) –  aber ich nehme fast jede Widrigkeit auf mich. Irgendwie, zumindest. Ähnlich wie Kathrin, neige ich allerdings dazu Erschöpfungserscheinungen aufzuschieben und aktives Handeln potentiellen Ruhephasen vorzuziehen.

„Ausruhen können wir später!“

Grundsätzlich nicht verkehrt, dauerhaft aber nicht gesund.

Bevor der Tag kam, an dem ich gar kein Bock mehr hatte, nahm ich noch ein bisschen was auf mich. Drei Tage lang rote Augen? Vielleicht schlecht geschlafen. „Passiert schon mal.“, dachte ich.

Aber warum bin ich die ganze Zeit so müde? Und so gereizt? Was haben wir gestern gleich gemacht? Was haben wir auf dem Weg hierhin gesehen?

Äh… egal. Wir müssen weiter.

Und genau hier, denke ich, liegt der Hund begraben. Wir mussten gar nichts. Ich musste gar nichts. Erst recht keinen Hund begraben. Trotzdem zwang ich mich da durch.

Nicht für‘s Reisen gemacht?

In Thailand nahm ich diesen Frust einfach hin. Es war ein mieser Tag nicht mehr.

Als es in Kanada wieder passierte, dachte ich: „Was stimmt nicht mit mir?“

Warum bin ich genervt davon, jeden Tag etwas Neues zu sehen? Warum hab ich keinen Bock mehr weiterzuziehen und zu erkunden, was dort draußen auf mich wartet?

Das ist doch bescheuert!

Tagelang Hals über Kopf verliebt in jeden Augenblick und dann: Schlagartige Ernüchterung. Sattgetrunken am Rausch des Abenteuers. Der Schönheit überdrüssig.

Bin ich vielleicht nicht gemacht für’s Reisen? Gibt es sowas überhaupt?

Also habe ich dieses Video gemacht und auf Antworten gehofft.

Und ich habe nachgedacht und geredet; und nachgedacht.

Dann habe ich dieses Video geschnitten und gepostet. Kommentare, Nachrichten und Feedback gelesen, beantwortet, noch mehr geredet und wieder nachgedacht.

Das Thema lässt mich nicht los.

Manchmal hilft ein Perspektivwechsel. Drehen wir das Thema um.

Wo fühle ich mich auf Reisen immer wohl?

Mein Wohlfühlort: Der Supermarkt

Ich habe ein seltsames Reise-Hobby.

Wenn wir einkaufen gehen, hänge ich superlange in Supermärkten rum. Ich schau mir gerne an, was es alles gibt, vergleiche was es in anderen Läden gab, was die Menschen einkaufen, schlendere in aller Seelenruhe durch jeden Gang und möchte alles mitnehmen, was es Daheim nicht zu kaufen gibt.

Mein kleiner Wohlfühlort: Der Supermarkt. Hier gibt es alles was ich brauche.

Einkaufen ist irgendwie so normal. Auf Reisen ist alles neu und alles anders, gefühlt ein Zustand der dauerhaften Anpassung. Eine innerliche Aufholjagt. Geistig noch beim letzten Erlebnis und körperlich schon wieder unterwegs. Ich hatte öfter das Gefühl, dass ich während der Reise nicht richtig angekommen bin. So beschäftigt, wie ich mit staunen, probieren, erforschen und erkunden war, hatte ich das Gefühl, ich kam gar nicht dazu das Land und die Reise richtig zu erleben, richtig zu spüren.

Routine statt Dauerabenteuer? Wie langweilig!

Auch wenn ich ein seltsamer Typ bin, der jedwede Aktivität ausprobiert und dauernd Unsinn treibt. Auch, wenn mir das wahrscheinlich niemand zuschreiben würden:

Uhr in Port McNeill

Immer läuft die Zeit davon… soll sie doch. Ich bleibe hier sitzen.

Ich finde Routine geil.

Nicht die langweilige Alltags-Routine. Nicht die Routine der menschgewordenen Arbeitsbatterie, die sich niemals fragt, warum Sie überhaupt Geld verdient, wenn nicht nur um sich am Leben zu erhalten, damit Sie weiterarbeitet und Geld verdient.

Nein.

Ich spreche von kleinen Ritualen. Aufstehen und Frühstücken an demselben Ort. Der morgendliche Kaffee zur gleichen Zeit. Social Media, den Blog und YouTube checken. Den Tag ein wenig planen. Sport machen. Mittag und Abendessen. Und natürlich Einkaufen.

Klingt langweilig, oder?

Ist es an einem fremden Ort aber nicht. Zumindest nicht für mich. Ich stelle mir oft die Frage, wie es wäre, wo anders zu leben.

Irgendetwas zieht mich hier weg, obwohl ich mein Zuhause liebe. Es zieht mich raus in die Welt. Und manchmal, wenn ich auf Reisen etwas mehr Ruhe und Zeit habe, stelle ich mir vor:

„So fühlt es sich vielleicht an hier zu leben.“

Und leben ist, was wir alle tun, was wir alle wollen. Dabei ist die Frage nicht ob sondern wie und das will ich herausfinden. Das will ich wissen. Danach suche ich. Die Antwort auf die Frage:

Wie will ich leben?

Diese Frage kann mir kein Dauerabenteuer beantworten. Denn ein Abenteuer wird erst zu etwas Besonderem, wenn es nicht der Dauerzustand sondern eben etwas Besonderes ist.

Sagt ja niemand, dass nicht regelmäßig etwas Besonderes passieren darf. 🙂

Ich habe keinen Bock mehr auf ein Reiseabenteuer. Was ich will, ist eine Reise mit Abenteuern. Nicht einem, sondern vielen.

Ruhige und routinierte Tage sind für mich keine verlorene Zeit. Diese Tage geben mir die Freiheit den Geschmack der neusten Erlebnisse noch etwas länger auszukosten, bevor ich wieder Hunger kriege und mich in das nächste Abenteuer stürze.

Was ist mir Euch? Schon mal frustriert gewesen auf Riesen? Was sind eure Erfahrungen?

 

 

5 Comments on “Frustriert vom Reisen, genervt vom Abenteuer”

  1. Sehr gut geschrieben und da kann ich nur zustimmen. Mir geht es manchmal auch so, dass ich keine Lust mehr habe… dann brauchts einfach ein paar Tage Ruhe.
    Ach ja das mit dem Supermarkt empfinde ich das auch genau so:)

  2. Wir sind mit unserem Segelboot seit dreieinhalb Jahren unterwegs. Mir geht es genauso. Ich möchte nicht jeden Tag Abenteuer, sondern Routine und „normale“ Tage an denen nichts passiert.
    Dadurch, dass wir unser ‚Haus‘ und viele persönliche Sachen bei uns haben, ist das einfacher zu realisieren.
    Es gibt jedoch etliche Langfahrt-Segler, die von Ort zu Ort hetzen und ständig Angst haben etwas zu verpassen.

    LG und viel Erfolg beim Finden der Balance.
    Sabine

  3. Langzeitreisen heißt für mich auch Langsamreisen. Also Wochen an einem Ort, statt wie auf Weltreise dauernd weiterziehen.

    Meine Frau und ich reisen seit 6 Jahren und wir sind mittlerweile bei Monaten, nicht Wochen 😉

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