Küste Sao Miguel im Nebel

Irgendwie ist mir das Thema noch gar nicht untergekommen, bei all der Recherche vorab:

Die ersten Tage auf Weltreise.

Ich glaube darüber schreibt oder spricht kaum jemand. So ein bisschen verstehen kann ich das schon. Ich weiß nicht, ob die ersten Tage wirklich schön, wirklich prägend oder wirklich überzeugend sind. Vielleicht sogar das Gegenteil. Trotzdem: Irgendwie ist so eine Bestandsaufnahme nicht verkehrt, denn aktuell ist alles ganz normal und gleichzeitig ist alles anders.

Ich möchte jetzt keine Erlebnisse schildern oder Euch zum x-ten Mal erklären, wie spannend alles ist. Was ich möchte, ist einmal kurz reflektieren, was für mich gerade innerlich passiert.

Urlaub, der kein Urlaub ist

Aktuell sind wir gerade einmal zwei Wochen unterwegs und das alles fühlt sich ein wenig wie Urlaub an. Urlaub, der kein Urlaub ist. Mein Kopf sagt aktuell:

„Zwei Wochen rum. Dann geht’s ja bald wieder nach Hause.“

Und ich so:

„Jo. Äh… Moment!“

Geht’s nicht. Gar nicht. Es geht gerade erst los und ich hab schon sowas wie – ich will es weder aussprechen noch ausschreiben – Heimweh?

Vorhang auf für die Ehrlichkeit

Eine Sache, die ich mir mehr als ernsthaft vorgenommen habe für diesen BLOG, für die VLOGS und für alles, was ich mit Way of Pirate mache, ist so ehrlich zu sein, wie ich nur sein kann.

Scheiß auf schlechte PR, scheiß auf Marketing-Psychologie, scheiß auf Pseudo-Authentizität und scheiß drauf, dass man nicht so oft: „Scheiß drauf“, schreiben soll.

Ich weiß sowieso nicht, wer dieser man ist, von dem alle sprechen. Also kann ich das auch einfach machen, oder?

Zurück zum Thema Weltreise – Vorhang auf für die Ehrlichkeit, denn Fakt ist:

Da ist ein wenig Schiss mit in der Buchse.

Das ist so. Wir sind – und das war niemals gelogen – planlos as fuck. Wir haben vor ein paar Stunden, bevor ich diesen Text geschrieben habe, unsere Unterkunft zum zweiten Mal verlängert, mittlerweile ein drittes Mal. Wir haben aktuell keine Ahnung, wie es weitergeht. Ob wir zu einer anderen Azoren-Insel segeln, auf einen anderen Kontinent fliegen oder doch noch ein paar Wochen länger auf Sao Miguel bleiben.

Weiß ich nicht. Kathrin auch nicht.

Das fühlt sich gut an und das fühlt sich schlecht an.

Was fehlt ist – wie soll ich sagen…

Kein Flow und viele Erwartungen

Was fehlt, ist der Flow.

Ich schreibe Flow, meine aber Routine.

Das ist so eine Sache mit der deutschen Sprache… Wir mögen unsere eigenen Worte nicht.

Kleines Beispiel:

Hart arbeiten, hört sich für jeden, der seine Arbeit nicht gerade liebt, echt zum kotzen an.

Wie sieht’s mit work hard aus? Das ist sexy und hat Power! … ist aber genau dasselbe.

Ich schweife wieder ab, sorry:

Es fehlt der Flow. Mir fehlt das Gefühl von: Und heute mache ich das!  Und morgen das und nächste Woche um dieselbe Zeit das! …was auch immer das dann ist.

Küste Sao Miguel im Nebel
Unser erster Tag auf den Azoren sah so aus, wie ich mich in den ersten Tagen fühle – orientierungslos, von Nebel umgeben

Aktuell ist es eher so, dass ich mich täglich frage, wie das am nächsten Tag aussehen wird.

Jetzt sagt der ein oder andere von Euch womöglich:

„Genau darum geht es doch auf Weltreise!“

Mag sein.

Für mich nicht.

Und ich bin der Überzeugung, dass es kein fix definiertes Warum auf einer Weltreise gibt. Es gibt vermutlich so viele Warums, wie es Menschen gibt. Deswegen sollte jeder sein eigenes Darum finden, statt dem Darum anderer nachzujagen.

Was den Flow angeht, glaube ich persönlich: Das legt sich noch.

Ist ja kein Wunder. Wir haben hier eine jahrelang etablierte Struktur komplett umgeschmissen, für etwas, das wir nicht ansatzweise kennen oder verstehen und auf das uns nichts vorbereiten konnte.

Weltreise eben.

Das Problem hängt hier – denke ich – mit etwas anderem zusammen.

Es ist nämlich so: Aktuell habe ich in keinen Flow, aber viele Erwartungen.

Erwartungen an die Reise selbst, an die Reiseziele, an das Wetter, an mich, an die VLOGS, die BLOGS, an Way of Pirate und an Euch Piraten.

Und das ist nicht gut. Das ist dämlich.

Psychoanalyse in the making

Das ist übrigens spannend.

Also nicht die Sache mit den Erwartungen. Ja, das auch, aber was ich meine:

Spannend ist, dass Schreiben – vor allem über Dinge, die mich beschäftigen – immer ein Stückweit Psychoanalyse in the making ist.

Während ich also schreibe: „Es fehlt der Flow.“, stelle ich mir die Frage: „Ist das wirklich das Problem?“, und gelange zu dem Schluss: „Nein, ist es nicht.“

Das Problem ist, dass ich so verzweifelt nach einer Alltagsroutine suche, weil ich meine Piraten-Flagge so verbissen hissen will. Ich will Videos schneiden, Blogs schreiben, will neue Projekte starten, neue Piraten finden, Reisen, was erleben und, und, und!

„Jetzt beruhig Dich mal!“, wäre ein guter Rat.

Und ich kann mir vorstellen, dass es nicht nur mir so geht. Wir alle (Weltenbummler) starten so eine Reise mit gewissen Erwartungen, mit einer Bucketlist und all den Szenarien, die wir uns ausmalen und ausschmücken.

Dann geht es endlich los. Weltreise! Jetzt! Und wir verfallen in unseren Twenty-First-Century-Undgeduldsmodus: Jetzt! Jetzt! Sofort! Jetzt! Schneller!

Das geht nicht.

Das funktioniert nicht.

Darum gibt’s Weltreisen auch nicht auf Amazon. Das hier ist und wird niemals etwas sein, was wir mit einem Click bestellen und in zwei Absätzen zusammenfassen können.

Aktuell merke ich jeden Tag – und keine Ahnung, warum und was mein Kopf hier mit mir macht – das hier, was wir machen, ist wesentlich größer als ich anfangs dachte. Mein Kopf rattert so unaufhörlich schnell, wie noch nie und das ist kein schlechtes Rattern – ganz im Gegenteil. Die Gedanken überschlagen sich in meinem Hirn und mein Verstand fragt mich die ganze Zeit:

„ALTER! Was machst du da?!“

Und ich so – mitten im Leben irgendwo auf einem Vulkankrater: „Huh?“

Der Kopf wieder: „Was machst du da?! Das-„

„Ja?“

„Das fühlt sich gut an…“

Logao Do Fogo Azoren Vulkankrater
Für ein paar Momente ist alles vergessen – Wie könnte es auch anders sein bei diesem Anblick?

Manchmal gut, manchmal traurig

In den letzten zwei Wochen haben wir – warum auch immer – mehr Menschen angequatscht und kennengelernt als auf jeder anderen Reise und in jedem anderen Urlaub.

Wir quatschen im Grunde genommen jede und jeden an. Dabei führen wir beide – Kathrin und ich – mittlerweile lieber persönlich statt oberflächlicher Gespräche. Getreu dem Motto: „Jetzt scheiß mal auf das Wetter und Sightseeing, aber lass uns über die Zukunft der Menschheit und unsere Träume sprechen.“

Und wir sind jetzt schon, nach nur zwei Wochen, wirklich vielen wundervollen Menschen begegnet.

Gleichzeitig komme ich mit den Leuten, die sich am Flughafen über Wartezeiten, auf den Azoren über das Wetter, ihr Leben lang über ihre Arbeit und täglich über andere Menschen beschweren immer schlechter zu Recht.

Das geht soweit, dass ich aus solchen Gesprächen aktuell komplett aussteige. Teilweise verlasse ich sogar den Raum. Mag am Tobi-Beck-Seminar liegen (#bewohnerfrei), vielleicht liegt es aber auch einfach nur daran, dass ich die Wahl habe und die Menschen relativ schnell aus meinem Leben wieder verschwinden.

Carolina und Kathrin Quinta Do Bom Despacho
Carolina (links) arbeitet in der Quinta, in der wir auf Sao Miguel die meiste Zeit verbracht haben. Eine irre engagierte und inspirierende junge Frau mit großartigen Träumen und Visionen. …die rechts daneben auch 😊

Das ist manchmal gut und manchmal traurig, aber eigentlich ist es immer gut.

Zu Philosophisch? Okay, okay 🙆‍♂ Ich löse auf – was ich meine ist:

Die Menschen, die wir kennenlernen bleiben aktuell nur sehr kurz in unserem Leben und wir versuchen – sei es bewusst oder unbewusst – diese Menschen in dieser Zeit, so gut wie möglich kennenzulernen. Wenn wir mit ihnen nicht klar kommen, dann sind sie schnell vergessen. Wenn wir mit ihnen gut klar kommen, sie uns faszinieren oder inspirieren, behalten wir sie im Gedächtnis.

Und jedes Mal, wenn wir so einen Menschen, so eine Begegnung loslassen, lassen wir uns gleichzeitig auf eine Neue ein, auf etwas Neues. Jeden Tag haben wir die Chance jemandem oder etwas Neuem zu begegnen. Mal gut, mal schlecht.

Das Gute am kontinuierlichen Loslassen ist:

Wir halten weder das Gute noch das Schlechte fest, was aber in Erinnerung bleibt entscheiden wir. Und wir sehen generell lieber die Sonnenseite des Lebens, auch wenn das bedeutet auf einem Berg mitten in einer Regenwolke zu stehen 😅

Am Ende entscheiden immer wir, ob das Glas halb voll oder halb leer ist.

Warum mir das so schwer fällt

Eine andere Frage, die ich mir seit Tagen gestellt habe, ist:

Warum komme ich nicht zum Schreiben?

Ich mache das doch so gerne. Ich liebe das.

Während ich diesen Blog-Beitrag schrieb, fiel es mir wie Schuppen von den Augen – Psychoanalyse in the making eben:

All der Dreck, denn ich mir sonst so gerne von der Seele schreibe und schreiben wollte, wird mit jedem Tag ein Stück weiter weggespült. Als würde der Ozean vor unserer Haustür mit jeder Welle all die RIESIGEN PROBLEME WEITER, WEIter und weiter forttragen, bis sie irgendwann von den Wellen umspühlt werden und verschwunden sind.

Diese Probleme gibt es hier nicht. Sie erreichen mich nicht.

Zumindest nicht, wenn ich nicht will.

Ich will aber. 😐

Dumm, oder?

Vielleicht – Aber ich will, weil ich weiß, wie ätzend viele dieser Dinge sind. Weil ich weiß, dass da draußen noch eine Menge brave Bürger sitzen, die ihren inneren Piraten unterdrücken, ihn von der Royal Navy unterdrücken lassen und eigentlich aus tiefstem Herzen befreien wollen.

Hinterm Horizont

Deswegen, lasst uns nicht darüber reden und schreiben, was alles schief läuft.

Lasst uns ein Problem nach dem anderen auf die Planke stellen, auseinandernehmen, mit dem Finger drauf zeigen, ein bisschen irre lachen und es in den Ozean kicken. Dann kann ein Problem nach dem anderen auf den Meeresgrund sinken und dort bleiben.

Jedes Problem und jede Herausforderung hat ja seine Daseinsberechtigung, das bedeutet trotzdem nicht, dass sie in unserem Weg stehen oder auf unserem Schiff mitsegeln müssen.

Ich sehe vor mir eine Menge aufbrausender Wellen, düstere Wolken und bedrohliche Klippen, aber dahinter – und das ist was ich am deutlichsten im Blick habe – einen Horizont voller Möglichkeiten.

Auf der Klippe von Ponta Do Escalvado
Zurück oder nach vorne schauen? Ich blicke am liebsten in Richtung Horizont.

Scheiß auf Wellen, Wolken und Klippen – auf die konzentriere ich mich, wenn Sie direkt vor mir sind. Was ich aber niemals aus dem Blick verliere, das ist der Horizont.

Denn hinterm Horizont, dort liegen die fernen Länder, Inseln und Schätze. Dort liegen die Ziele, Träume und Visionen.

Hinterm Horizont, dort beginnt das Leben.

2 Kommentare

  1. Richtig schön geschriebener Artikel! Die Gefühle, die du beschreibst lassen sich einfach so gut nachempfinden! Bei uns geht es ja nächstes Jahr auch los und es ist einfach so spannend eure Reise von Anfang an so mitzuverfolgen und eure bzw deine Gedanken dazu zu lesen 😊 Und wie auch die Gedanken und Gefühle entwickeln. Wir sind dann auch so gespannt wie das alles für uns dann nächstes Jahr sein wird. Bis dahin freuen wir uns darauf auf eurer Reise virtuell mitzusegeln und uns mit euch von Herzen zu freuen!

    Liebe Grüße auch an die bessere Hälfte 😉

    Nico & Mandy

    1. Author

      Vielen Dank für das tolle Feedback, Ihr Lieben! Ich bin auch schon ganz gespannt, was dann bei Euch alles passiert. Bereichtet fleißig, wenn es soweit ist – wir halten Euch auf allen Kanälen auf dem Laufenden 😁 Beste Grüße von der besseren Hälfte auch zurück 😊

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